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Skispringer in Ketten

Zum verzerrten Verhältnis der deutschen Medien zu den Leistungen der deutschen Skispringer kurz vor den Olympischen Winterspielen in Vancouver

Klingenthal ist Geschichte, die Kulisse war wie immer großartig, die Zuschauer einzigartig und gerade der, von dem fast die gesamte Öffenlichkeit abhängt, war auch wieder dabei. Martin Schmitt ist zurück auf der Skisprungbühne und mit ihm kamen die Medienvertreter. Die interessierten sich vor allem für seinen gesundheitlichen Zustand (wer will es ihnen verwehren?!) und besonders für Gewicht und Kraftwerte. Ihm komme es so vor, als würde nun nur noch über den für die Springer so leidvollen BMI philosophiert, seitdem er die niedrigen Werte kritisierte, so Schmitt. Wie viel das deutsche Skispringen ohne Martin Schmitt ist, das zeigt sich allerdings immer dann, wenn er nicht mitspringt. Dann legt sich die Aufmerksamkeit der Zeitungen (die von Sportaufmachern zur Vierschanzentournee nun auf „kurz notiert“-Maß schrumpfen) und Fernsehsender (mal abgesehen vom erfrischend unkonventionellen Spartensender Eurosport und dessen engagierten Skisprungkommentatoren Dirk Thiele und Gerd Siegmund).

Eine passable Leistung sei das nun heute gewesen, so die dpa-Meldung zur heutigen Leistung von „Schmitt und Co“. Passabel also, das heißt nicht gut und nicht schlecht. Das aber ist falsch! Heute waren die deutschen Skispringer mit sieben Mann im zweiten Durchgang, drei davon unter den Top 15. In der Teamwertung wäre das ein klarer zweiter Platz gewesen hinter den überragenden Österreichern. Würde man einen zweiten Platz nicht eine gute Leistung nennen?

Das Anspruchsdenken deutscher Sportjournalisten ist zum Teil recht einfach gestrickt: Einzig eine Podiumsplatzierung ist Auszeichnung für eine gute Sportlerleistung; wenn sich kein Edelmetall gewinnen lässt, muss man eben mit Missachtung zurechtkommen. Dass es beispielsweise für einen Springer ein großer Erfolg ist, sich von einem 30sten auf einen 20sten Platz zu verbessern oder überhaupt den Sprung von der Qualifikation in den Wettkampf zu schaffen, davon kein Wort. Nachdem die Sportart Skispringen zur Jahrtausendwende einen Höhepunkt erreicht hatte, der Wettkampf zum RTL-Event wurde und die Stadien brechend voll waren, konnten die deutschen Springer aufeinmal keine Siege mehr einfahren. Werbeverträge wurden gekündigt, der Wintersport Nummer Eins wurde vom Biathlon verdrängt und oft gab es nicht mal mehr Liveübertragungen. Die Springer wurden von Helden zu Versagern degradiert, wie ein One-Hit-Wonder: Ein kurzer, extremer und allumfassender Erfolg, der nie mehr erreicht werden konnte. Doch die Ansprüche sind die gleichen geblieben.

Und damit müssen die Springer heute zurechtkommen. Sie geben ihr Bestes, gehen bis an körperliche Erschöpfungs- und Leidenszustände und schon Sekunden nach dem Sprung müssen sie ihre eigene Enttäuschung verarbeitet haben. Als wären sie keine Menschen, sondern Maschinen, die man per Schalter und Hebel bedienen kann, denen man keine Schwäche zugestehen mag. Man verlangt die großen Schmerzen, um zum Erfolg zu kommen, doch die Falten im Gesicht dürfen nicht zu sehen sein. Werner Schuster, Cheftrainer der deutschen Springer, hat vor einiger Zeit auf einen interessanten Aspekt hingewiesen: Pascal Bodmer (der im übrigen erneut verhypt wurde und von dem man nun auch schon wieder enttäuscht ist) ist in dieser Saison der einzige neue Springer, dem es gelungen ist in die Weltelite der 15 Besten zu springen. Das ist beachtlich, die Wahrnehmung dessen bleibt aber aus.

Es steht nicht gut um diese eigentlich wunderbare Sportart in Deutschland, wenn man allein der Presse- und Fernsehlandschaft glauben möchte. Immer möchte man wünschen: Besinnt euch! Legt die Ketten nicht um den Hals der Sportler, wie sollen sie denn damit weit fliegen?! Die Fesseln, die ihr anlegt, beschränken die freie Entfaltung der Athleten. Wenn Fehler in der Nachwuchsarbeit gemacht wurden (und auch das stimmt natürlich!), hilft es sicher nur wenig, etliche Male die gleiche Frage zu stellen, Rücktritte zu fordern und sich immer wieder an den gleichen kraft- und trainingsspezifischen Oberflächlichkeiten abzuarbeiten. Um das Bild zu verdeutlichen: Wenn man sich nur an Wochenenden mal kurz mit der Sportart beschäftigt, dann große Reden von schwachen Leistungen hält und anschließend unsachliche Bewertungen einwirft, dann darf man auch keine große journalistische Leistung erwarten. So ist das und man sollte da einfach nicht zu viel glauben.

Christian Helfricht

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