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Türkisch-deutsche Liebe

(EM-Kolumne, Teil 10)

Spüren Sie auch die Spannung, die momentan das ganze Land beherrscht? Heute Abend scheint sich ein Ereignis zu vollziehen, das mit dem Fall der Berliner Mauer und dem auf den Black Thursday 1929 folgenden Börsencrash zu vergleichen sein könnte. Doch bei aller Euphorie und Liebe für den Fußball darf man nicht vergessen, um was es eigentlich nur geht: den Einzug der Türkei oder Deutschlands in das Finale der Europameisterschaft 2008.

Doch zuerst darf man das ja begrüßen: Da äußern sich Türken zum gemeinsamen Feiern, zu Erfolgszusprechungen beim Gewinn egal welcher Mannschaft, zum Unterstützen des deutschen Teams auch bei einer Niederlage der eigenen Mannschaft. Großartig und vorbildlich. Man geht nur noch mit beiden Flaggen aus dem Hause, schafft neue Mix-Nationalhymnen und beschwört die kulturelle Verständigung auf allen Ebenen. Großartig und vorbildlich.

Nun kann man allerdings auch von den Deutschen etwas mehr Engagement erwarten. So wie es zum Beispiel die Taz auf ihrer heutigen Titelseite vormacht: eine türkisch-deutsche Flagge mit dem Titel „Wir kommen ins Finale“, egal welches Team. Wie aber sieht es in den dunklen Wohnzimmern der treuen Deutschen aus, wie in den Vorgärten der Grillmeister und Spitzengardinenliebhaber oder den Eckkneipen der Randbezirke? Kann man auch hier sagen, man unterstütze beide Teams oder gar das türkische, ohne schief angeschaut zu werden? Man darf doch zumindest daran zweifeln, dass da fast jeder Deutsche zum Multikultifavorisierer wird.

Daniel Bax stellt in der Taz die entscheidende Frage und gibt auch gleich die richtige Antwort: „Was aber, wenn die Türkei gewinnt? Dann können auch jene Deutschen, die nicht türkischer Herkunft sind, ja mal versuchen, für die Türkei zu jubeln.“ In diesem Sinne: ein faires Spiel!

Der Glasperlenspieler

Die Euphorie kehrt zurück: Deutschland im Halbfinale

(EM-Kolumne, Teil 8 )

Nach dem Spiel wollte der Siegesjubel nicht abebben. Die Mannschaft steht vor den Fans und feiert ausgelassen den Sieg über einen Mitfavouriten auf den Titel der Europameisterschaft. Es war die lang ersehnte Topleistung, die die Euphorie von 2006 nun wieder aufleben lässt.

Großartig und kaltschnäuzig ging die Mannschaft mit 2:0 in Führung, ließ dann die Portugiesen kommen und macht in der zweiten Halbzeit das verdiente 3:1. Kurz vor Ende kamen die Portugiesen noch mal mit dem Anschlusstreffer, der die Nerven der Fans kurzzeitig stark strapazierte, doch dann kam der Abpfiff. Jubel, energetische Freude und Tränen auf Seiten der Portugiesen.

Hansi Flick hat seine Aufgabe gut gemacht, das ganze Team zeigte eine wichtige Eigenschaft einer Topmannschaft: Insgesamt war die Leistung stärker, als nur die Summe der einzelnen Teile. Schweinsteiger war überragend, doch er steht nur für einen Jeden, der mitgespielt hat. Kleine Fehler sind gegen ein Topteam nicht zu vermeiden, einen C. Ronaldo kann man nicht die gesamten 90 Minuten ausschalten.

Die deutsche Mannschaft hat also zu alter Stärke zurückgefunden und nun scheint alles möglich. Vielleicht die Revanche gegen die Kroaten oder gegen die Türken. Vieles gerät in den Horizont des Erreichbaren, Deutschland zählt nun zum engen Favouritenkreis und wieder einmal zeigt sich: Wenn die Gegner stark sind, spielt die deutsche Mannschaft auch gut. Oder eine anderen Weisheit: Wenn zwei Mannschaften spielen, gewinnen immer die Deutschen. Man wird sehen.

Der Glasperlenspieler

Blut-und-Galle-Spiele

(EM-Kolumne, Teil 5)

Fußball, Fußball, Fußball. Und kein Ende in Sicht. Es war das wohl dramatischste Spiel, das diese Europameisterschaft zu bieten hatte. Zwischen Tschechien und der Türkei schien nach dem 2:0 für unsere Nachbarn schon alles entschieden zu sein, doch dann kam die alte Fußballweisheit: Ein Spiel hat 90 Minuten. Und manchmal ein wenig mehr.

Die Türken zeigen Moral und kommen zurück. Tor, Tor und nochmals Tor. Und mit dem nächsten Wimpernschlag sind die Tschechen raus aus dem Turnier. Und dieses Spiel hatte alles, was ein großartiges Spiel ausmacht:

  • ein Menge Tore
  • Moral und Kampf
  • der Spielstand wurde komplett gedreht
  • Torwartfehler
  • nicht gegebener Elfmeter
  • eine rote Karte für den Torwart
  • ein Feldspieler im Tor

Es war das erste wirkliche Endspiel, wie wir sie in den nächsten Tagen unzählige erleben werden und wie sie spannend sind und so manche Fußballseele an den Rand des Herzstillstands bringen werden. Die Liebe zum Fußball wird gestärkt durch solche Blut-und-Galle-Spiele, man muss die Sportart einfach dafür lieben.

Im Übrigen auch dafür, dass Köbi Kuhn mit den Schweizern ein versöhnlicher Abschied gelingt, indem sie Portugals B-Team bezwingen. Gut so. Man kann nichts berechnen. Und nun, liebe Strategen, wer wird Europameister?

Der Glasperlenspieler

Wenn Fußball grausam ist …

(EM-Kolumne, Teil1)

Die Schweiz ist das erste Team der Fußball-EM, das ausgeschieden ist. Die Türkei hat nun beste Chancen ins Viertelfinale einzuziehen, Portugal ist schon qualifiziert. Die Schweiz, gemeinsames Gastgeberland mit Österreich, ist geschlagen, doch hat ein großartiges Spiel gemacht, das wohl als die Wasserschlacht von Basel in die Sportgeschichte eingehen wird und an 1974 erinnern mag.

In der ersten Halbzeit ging die Schweiz unter schwierigsten Bedingungen in Führung, doch mit dem nachlassenden Regen in der zweiten Hälfte wurde der Druck der Türken immer stärker. Ausgleich. Dann: qualvolles Hin und Her, das Spiel bleibt komplett offen, kurz vor Ende haben die Schweizer eine Hundertprozentige. Doch mit dem Schlag 92. Minute sind alle Träume beendet. Die Türkei macht das 2:1 durch einen abgefälschten Schuss direkt über den Kopf des Torwarts in den Kasten.

Alles aus. Köbi Kuhn, Trainer der Schweizer, steht konsterniert am Spielfeldrand. Es ist sein vorletztes Spiel, Ottmar Hitzfeld wird ihm folgen. Seine Augen verraten eine gefasste Trauer, Gesten und Mimik der Spieler hingegen verfallen zu Tälern der Tragik. Fußball ist an diesem Abend ein Abbild der möglichen Schmerzen und Freuden, die das Leben bieten kann. Großartig.

Der Glasperlenspieler