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Mangel an Diskussion zur näheren deutschen Geschichte

Seit dem Mauerfall und der wiedervereinigten Bundesrepublik läuft die Aufarbeitung des „DDR-Unrechtsregimes“ auf Hochtouren. Gauck und Birthler wettern gegen Sozialismus und Stasispitzel, als wären wir noch in Zeiten des Kalten Krieges. Fast zwei Jahrzehnte danach scheint eine unaufgeregte Diskussion über die nähere deutsche Vergangenheit immer noch nicht möglich zu sein.

Aktuell zeigt sich das an den neu aufgeflammten Vorwürfen gegen Gregor Gysi, er sei um das Jahr 1980 als inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Staatssicherheit der DDR tätig gewesen. Er soll den ehemaligen Dissidenten Robert Havemann, der damals sein Mandant war, auf einer Autofahrt bespitzelt haben. Gysi wehrt sich gegen die Vorwürfe mit deutlicher Vehemenz, auch in den vergangenen Jahren ist er gegen eine öffentliche Brandmarkung als IM immer wieder erfolgreich gerichtlich vorgegangen.

Ob Gysi IM war oder nicht, kann für Opfer und Gegner des DDR-Stalinismus interessant sein, von Bedeutung für die geschichtliche Aufarbeitung ist es nicht. Viel mehr ist davon auszugehen, dass die als „Kultur der Aufdeckung“ gehuldigte Debatte auf eine Vorstellung vom Menschen abzielt, die ihm nicht obliegen kann: Wenn persönliches Fehlverhalten, ob es nur wenige Wochen oder mehrere Jahrzehnte wehrte, nicht in irgendeiner Weise später entschuldbar ist, wäre nicht nur das deutsche Strafrecht, sondern auch die Vorstellung vom besserungsfähigen Menschen, der seine Taten bereut, aber dann „in Ruhe“ leben darf, eine Traumvorstellung. Wenn Debatten um eine verantwortliche Geschichte in perfider Weise von Teilen der konservativen deutschen Öffentlichkeit diskriminiert werden, sodass ostdeutsche Biografien von einzelnen Individuen gebrochen werden sollen, dann kann man nicht von einem kulturvollen Umgang miteinander ausgehen, sondern muss die Frage stellen, wo zum einen die Wurzeln der westdeutschen Bundesrepublik liegen und zum anderen, warum man auch heute noch Angst hat vor ehemaligen Mitarbeitern der Staatssicherheit.

Kann es nicht sein, dass sich in diesem Lande eine politische Kultur zu etablieren versucht, die Rache zu ihrer grundlegenden Eigenschaft werden lässt und die sich selbst immer mehr durch Überwachung und Abschottung charakterisiert? Kann es ferner nicht sein, dass konservative Kreise zum Beispiel durch unrechtmäßige Vergleiche zwischen NS-Staat und DDR-Regime, eine öffentliche Meinung befürworten, die den Mangel an Diskussion zur näheren deutschen Geschichte mit einem Mehr an repressiven Maßnahmen gegen Andersdenkende befürwortet und bestärkt?

Was mag der Grund wohl sein?
Der Glasperlenspieler

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