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Wanderer bemängeln Willkür des Nationalparks und wollen sich Gehör verschaffen

Ist man im Elbsandsteingebirge unterwegs, kann das viele Gründe haben. Der eine möchte sich erholen, der andere klettern oder aktiv wandern, manch einer ist auf dem Malerweg unterwegs, jener möchte eine Ausflugsgaststätte besuchen, ein anderer wieder einfach die Schönheit der Natur genießen. Es gibt viele Aktivitäten, die man in der Sächsischen Schweiz angehen kann – nicht alle aber sind auch erwünscht.

Ein Gedankenspiel: Im Nationalpark der Sächsischen Schweiz gibt es schon immer Besucher 1. und 2. Klasse, aber auch solche, die man gar nicht sehen möchte (im Duktus der Nationalparkverwaltung (NPV): Naturzerstörer). Besucher der 1. Klasse begeben sich nicht in die Natur, sondern sind dadurch auszumachen, dass sie sich auf dem kürzesten, markierten Weg Richtung Übernachtungs- oder Einkehrmöglichkeit bewegen und dort viel und oft Geld hinterlassen. Besucher der 2. Klasse wandern überall im Nationalpark auf den erlaubten/eingezeichneten Wegen herum, schmieren sich ihre Brote noch höchstselbst und trinken höchstens mal ein Bier oder eine Cola zur Erfrischung. Unerwünschte Besucher sind solche, die immer alles bis zum letzten ausreizen müssen, Wege begehen, die historisch interessant sind, aber in irgendeinem willkürlich errichteten Schutzgebiet liegen und dann das ganze noch irgendwie publizieren. Unerwünschte Besucher zeichnen sich besonders durch ihre gerissene Hinterlistigkeit aus und ihr Vermögen, an allem immer nur herumnörgeln zu wollen und alles schlechtzureden. Ihnen ist gemein, dass sie sich als Bewahrer der alten Wandertugend gerieren, aber in Wirklichkeit Umweltzerstörer sind, die mit ihrer reinen Anwesenheit auf Wegen, die nicht erlaubt sind, zum Verfall des Naturschutzes im Ruhebereich beitragen, ja dafür ausschlaggebend sind. Ganz nach dem Motto: Der Mensch in der Natur gehört verboten!

Vor einigen Tagen erschien ein Interview in der Sächsischen Zeitung (SZ), indem sich der Chef der NPV, Dietrich Butter, zum Thema Wegenetz, Verbote und Nahverkehr in der Region äußert (darüber wurde hier berichtet, s. Beitrag NPV-Chef Dietrich Butter: „Ich möchte den Nationalpark voranbringen“). Dieses Interview hat zu einigen Reaktionen geführt:

  • Die SZ veröffentlichte einen stark gekürzten, kritischen Leserbrief zum Thema: „Man könnte langsam den Eindruck gewinnen, dass Touristen im Nationalpark stören. Kein Naturfreund zieht das „Wegegebot“ in Zweifel. Und wenn alte Wanderwege aus teilweise nicht nachvollziehbaren Gründen gesperrt, aber dann weiter begangen werden, ist dies wohl eher Widerstand gegen Behördenwillkür. Und wenn ich nächsten Winter wieder an der Neumannmühle stehe und 17 Uhr den letzten Bus in Richtung Hinterhermsdorf verschwinden sehe, werde ich mal Dr. Butter anrufen, ob er mich mit einem der schicken Nationalparkjeeps abholen könnte.“ (Ronald Schneider, elbsandsteinfotografen.de)
  • In diesem Zusammenhang stieß eine neue Infotafel am Frienstein auf Kritik. Diese wurde an der bei Touristen beliebten Stelle massiv in den Stein gehauen, ohne inhaltlichen Mehrwert oder Ähnliches zu bieten. Viele Wanderer fragen sich nun, warum ihnen einfachste Dinge verboten werden, aber die NPV das ein oder andere mal als größter Naturzerstörer auftritt.
  • Schon seit Jahren fühlen sich Wanderer aus der Region durch die ihnen entgegen gebrachte Willkür beunruhigt. Immer wieder ist von Zerstörungen der NPV an der Natur zu berichten, teils in der streng geschützten Kernzone. Nachweislich wurden Bäume gefällt, nachweislich wurden vorhandene Wege verhauen, nachweislich gibt es keine wissenschaftlich unterfütterte Begründung für die einzelnen Kernzonengebiete.
  • Zwei Äußerungen von Herrn Butter haben für besondere Reaktionen gesorgt: „Wir dürfen und wollen Veröffentlichungen nicht zensieren. Im Informationszeitalter werden auch Geheimtipps für ein exklusives Naturerlebnis weitergegeben. Die Wächter treffen zunehmend Besucher mit Karten solch verbotener Wege an. 90 Prozent der Besucher verhalten sich regelgerecht. Aber die übrigen kommen vom Wege ab. Teils, weil sie sich nicht orientieren können, teils, weil das Verbotene reizt.“ und „Unser Wegekonzept ist dynamisch. Zweimal im Jahr sprechen wir mit den betroffenen Interessengruppen, welche Wege wir sanieren, schließen oder öffnen.“ Uns Wanderern sind solche Interessengruppen (mit Ausnahme vom Bergsteigerbund) jedoch nicht bekannt. Schlichtweg gibt es keine Wanderervertretung für die Sächsische Schweiz. Dies soll sich nun aber ändern.
Immer wieder machen Äußerungen die Runde, die das naturnahe Wandern im Nationalpark diskreditieren. So fernab oder kurzsichtig das ein oder andere Gedankenspiel auch zu sein scheint, in den Verlautbarungen der NPV findet es immer wieder seinen realen Niederschlag. Es gibt seit Jahren, ja seit Jahrzehnten Kritik am Nationalpark Sächsische Schweiz. Doch nicht oft kam sie von so vielen Seiten, wie es nun der Fall ist. Dies hat zuhauf damit zu tun, dass sich der Nationalpark als Alleinvertretung für die Interessen aller darstellt, in Wirklichkeit aber immer mehr an Zustimmung verliert. Dass dies allerdings ein selbst verschuldetes Problem sein muss, ist offensichtlich. Im Werben um Touristen, die Highlights besuchen sollen, aber in die wirklichen Tiefen der Naturerfahrung nicht einbezogen werden, hat sich ein Verständnis entwickelt, das mit der Realität („raus aus der Stadt, rein in die Natur“) nicht zusammenpasst: Immer mehr Menschen auf immer weniger Wegen. Das kann nicht auf Dauer funktionieren.

Auf verschiedentlichen Vorschlag hin gibt es nun Überlegungen einen Verein oder eine Interessengemeinschaft zu gründen, die sich mit den Thematiken der Sächsischen Schweiz kritisch auseinandersetzt. Dies ist eine Reaktion auf die Politik der Nationalparkverwaltung der letzten Jahre. Alles ist im Fluss, jeder kann sich einbringen.

Christian Helfricht

Zum Thema folgende Links:
Stiegenbuchverlag
Wanderblog von Arndt
Beitrag bei Elbsandsteinfotografen

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  1. Anonymous
    7. August 2011 um 8:02 pm

    Ich lasse mir grundsätzlich von niemandem vorschreiben, wo ich langlaufe, solange es dort einen erkennbaren Weg oder Pfad gibt und man den ohne Flurschaden begehen kann. Ich bin 1963 hier geboren und hier aufgewachsen, mein Herz schlägt für die Natur und Heimat, wünsche mir heute jedoch, daß das Bewußtsein für die Verletzlichkeit der Natur wieder mehr ins Gedächtnis der Leute rückt. Die NPV kann mir dabei gestohlen bleiben. Wer Elbweg und Fremdenweg sperrt, hat den Schuß nicht gehört.

    Thilo Fleck

  2. 9. Oktober 2011 um 12:57 pm

    So wird man also eingeteilt, Menschen 1., 2. 3. usw. Klasse.

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