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Was sucht der Mensch in der Natur? Neuerliche Debatte um das Wegenetz in der Kernzone des Nationalparks Sächsische Schweiz

Wie auf Seiten zur Sächsischen Schweiz schon erwähnt, ist in einigen Tageszeitungen (Freie Presse, Neues Deutschland, Nordkurier) ein Artikel erschienen zur Auseinandersetzung zwischen Axel Mothes und dem Nationalpark Sächsische Schweiz.
Es geht grob gesagt um Folgendes: Axel Mothes wurde auf dem historischen Wanderweg „Försterloch“, der vom Nationalpark indirekt gesperrt ist, durch einen Ranger aufgegriffen und zu einem Bußgeld verdonnert. Zunächst hatte er dem Bußgeld widersprochen und wollte es zum Prozess am Amtsgericht Pirna kommen lassen. Allerdings sind Mothes dabei rechtliche Bedenken gekommen, dergestalt dass die Wege nun doch rechtskräftig gesperrt seien, da niemand dagegen eine Normenkontrollklage eingereicht hat. Axel Mothes hat sich nun also dazu entschlossen, das Bußgeld zu zahlen, jedoch dazu aufgerufen, die gesperrten Wege in der Kernzone des Nationalparks wieder zugänglich zu machen.

So weit, so gut. Die Debatte hat nun aber neuerliche Brisanz aufgenommen, als ein Artikel zuerst in der Freien Presse, dann im ND und nun auch bei SpiegelOnline erschienen ist. Dabei kommen verschiedene Seiten zu Wort (Zitate aus Neues Deutschland):
Andreas Knaak vom Nationalpark führt aus, dass in der Kernzone des Nationalparks ein strenges Wegegebot gelte. Das Wegenetz wurde beschnitten, „um Ruheräume für Tiere zu schaffen oder die Natur sich selbst zu überlassen“, so Knaak. Er führt weiter aus, dass der Mensch der Natur Schaden zufüge, wenn er geschützte Gebiet betrete. Selbst kleine Personenkreise könnten den empfindlichen Sandstein und seltene Pflanzenarten zerstören. Knaak, der beim Nationalpark für die Besucherlenkung zuständig ist, spricht zudem von einem regelrechten Wettbewerb, den es um exklusive Wege gebe und der dazu führe, dass die Natur verschlissen werde.
Ulrich Voigt vom Sächsischen Bergsteigerbund pflichtet Knaak bei. Der Kompromiss zum Wegenetz sei nach harten Auseinandersetzungen im Einvernehmen getroffen worden. Weitergehende Forderungen zur Wegesperrung seien verhindert worden. Der Wegeplan sichere einen Erhalt der Natur für spätere Generationen. Zudem locke Mothes die Leser seiner Bücher bewusst auf alte, vergessene Wege, um daraus monetäre Vorteile zu ziehen.
Stiegenbuchautor Axel Mothes sieht dies freilich anders. Die Wanderer, die sich für die historischen Wege und Steiganlagen interessierten, seien in ihrer Anzahl durchaus überschaubar. Für die müsse eine „moderate Regelung“ getroffen werden. Es handele sich hierbei um Naturfreunde, die sich bewusst in der Natur bewegen, nicht zerstören. Zudem sieht Mothes einen kulturellen Erhaltungswert in der Begehbarkeit der historischen Wege. Wildnis sei in diesem Sinne in der Sächsischen Schweiz nicht möglich.

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In medias res: Der Nationalpark Sächsische Schweiz soll für alle da sein, für die touristischen Massen und die Wanderer, die sich dem tiefen Naturerlebnis auch abseits ausgetretener Wege widmen wollen. Zugleich ist der Nationalpark ein Schutzgebiet zum Erhalt seltener Tierarten und Pflanzen. Immer wieder dreht sich die Kernfrage um folgenden Punkt: Wie bringt man beide Interessen zusammen?

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Eine Antwort auf diese Frage ist so einfach, wie überdenkenswert: Den Nationalpark kann es ohne Menschen nicht geben, sie müssen bei allen Entscheidungen einbezogen werden. Warum?

1. Der Nationalpark lebt von den Menschen, die ihn bereisen.

2. Die Menschen bringen Geld in die Region, in die kommunalen Wirtschaftskreisläufe und halten damit die Vitalität des Nationalparks, im übrigen auch der Nationalparkverwaltung, intakt.

3. Der Nationalpark Sächsische Schweiz ist von seiner äußeren Gestalt her kein geschlossenes Gebiet. Er ist durchzogen und begrenzt von Städten und Orten, in denen Menschen ihren Alltag verbringen und ihre Arbeit verrichten, und von Straßen und Schienen, Wegen und Pfaden, die zur Beförderung dienen. Wollen wir einen Nationalpark mit Wildnis im eigentlichen Sinne, müssten wir all diese kulturellen Erbauungen, Werte und Errungenschaften aufgeben (d.h. Städte und Dörfer entvölkern, landwirtschaftliche Flächen nicht mehr nutzen) und für Jahrhunderte sich selbst überlassen. Es könnte sich ein großes geschlossenes Wald- und Wiesengebiet entwickeln, in dem sich Tiervorkommen auf lange Sicht positiv entwickeln könnten (d.h. beispielsweise könnten Tiere in großen Gebieten jagen, weite Flächen markieren und neue Lebensräume erschließen – all das ist jetzt nicht möglich). Auch Waldgebiet könnte auf natürliche Weise entstehen und verrotten, im Unterholz den Lebensraum für Kleintiere vergrößern und den natürlichen Arterhalt und dessen Verbreiterung sichern.

4. Wildnis kann der Nationalpark Sächsische Schweiz, solange es Menschen gibt, niemals werden. Es ist auch nicht nötig. Es gibt zahlreiche Regionen in der Welt, die dünn bis gar nicht besiedelt sind. Durch die Zerstörung natürlicher Lebensräume werden Tierarten in ihrem Bestand dezimiert oder ausgerottet. Die sinkende Artenvielfalt ist an allen Ecken und Enden der Welt sichtbar, auch hier in Deutschland. Daran ist zum größten Teil der Mensch schuld, nur zu einem geringen Teil die Natur selbst. Der Nationalpark versucht einen Arterhalt und eine Wiederansiedlung im Bereich der Flora und Fauna. Dass der Wanderer dem im Wege stehe, ist aber ein Märchen!

5. Leben kann niemals in abgeschlossenen Räumen stattfinden. Leben heißt immer, den anderen und das Andere zu respektieren. Wenn der Nationalpark sagt, ein Respekt vor der Natur sei vom Wanderer, der auch wenig begangene und abseitige Pfade nutzen möchte, nicht zu erwarten, ja er zerstöre die Natur mit seiner Anwesenheit sogar, dann irrt er. Eine Zerstörung würde heißen: bewusstes und unbewusstes Vertreiben und Töten von Tieren, willentliches Abholzen und Zertreten von Pflanzen. Dies tut kein Wanderer, der sich für die Natur interessiert und Wege begehen möchte, die zum Teil Jahrhunderte alt sind. Immer haben Menschen im Einklang mit ihrer Natur gelebt, keiner möchte heute Waldgebiete im Nationalpark abholzen, neue Straßen durch die Natur bauen, Agrargebiete erweitern oder überhaupt neue Wege im Nationalpark errichten. Dies gibt es in vielen Teilen der Welt, bei uns in der Sächsischen Schweiz ist das nicht der Fall.

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Die Nationalparkverwaltung kennt die Gegenargumente, doch sie ignoriert sie. Es werden massentouristische Entwicklungen (Bastei, Felsenbühne, Malerweg, touristengerechte Steiganlagen, etc.) gefördert, um mehr Leute in die Region zu holen und Geld zu vermehren, doch auf der anderen Seite sollen Teilgebiete komplett abgeriegelt werden (diese Teilgebiete sind dann im Übrigen für eine natürliche Tierwanderung noch deutlich zu klein). Immer mehr Menschen sollen auf immer weniger Wegen versammelt werden, was den natürlichen Wandergenuss und das Erleben von ungestörter Natur völlig ad absurdum führt. Wie das zusammenpassen soll, weiß auch die Nationalparkverwaltung nicht. Doch die Region wirbt mit ihrer Natur, natürlich, mit den rauen Felslandschaften, stillen Tälern und kulturellen Schätzen. Die Nationalparkverwaltung will den Menschen den Zugang zu vielen Gebieten verweigern. Unliebsame Publikationen werden dann auch gerne mal totgeschwiegen oder als rechtswidrig erklärt. Nationalparkpartner, die diese Publikationen dann bewerben, kann dann auch schnell mal der Status aberkannt werden.

Viele in der Verwaltung, aber auch einige Ranger, sind mit den Entwicklungen nicht zufrieden. In der Verwaltungsspitze soll es darüber auch offenen Streit gegeben haben. Einige Nationalparkranger, die die verquere Politik der Verwaltung umsetzen müssen, sind mit dem eingeschränkten Wegenetz ebenfalls nicht einverstanden. Ende letzten Jahres wurde zudem der dienstälteste Nationalparkchef in Deutschland, Jürgen Stein, abbeordert und Dietrich Butter hat den Posten übernommen. Auch dies ein Zeichen des fortwährenden Streits.

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Ist es nun an der Zeit einen Verein oder einen Zusammenschluss der regionalen Wanderer zu gründen, um mit einer Stimme zu sprechen und mit dem Nationalpark ins Gespräch zu kommen? Es ist an der Zeit!

Christian Helfricht

Artikellinks:
SpiegelOnline
Süddeutsche Zeitung
Neues Deutschland

Links zum Thema:
Mothes‘ Stiegenbuchverlag
Webergrotte.de Beiträge zum Thema Wegenetz
Nationalpark Sächsische Schweiz – Wegeeinteilung
Arndts Blog
Karstens Heimatseite
Rolf Böhms Wanderkarten

Beiträge aus SSI-Heften zum Wegekonzept:
2001 – Abschluss der Wanderwegberatungen
2001 – Waldinneres
2002 – Naturschutz auf Abwegen?
2003 – Protestwanderer muss keine Strafe zahlen

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