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Wie ein Hase im Feld

Zur Debatte um Thilo Sarrazin

Laut Deutscher Verlags-Anstalt (DVA) läuft gerade der Druck der 6. Auflage seines Buches „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Damit ist die viertel Millionen voll gemacht – so viel Exemplare seien nun gedruckt, hieß es bei der DVA. Weitere Auflagen werden sicher folgen, denn die Debatte um Sarrazins Thesen zur muslimischen Verdummung, Intelligenzvererbung und dem Juden-Gen wird sicher nicht so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen ist. Und das ist auch gut so, glaubt man zumindest den Äußerungen Sarrazins. Er habe eine Debatte anstimmen wollen, er berufe sich dabei nur auf Zahlen, wie sie nun einmal vorlägen, Einzelfälle betrachte er gar nicht. Er wolle keine pauschale Verurteilung betreiben, sicher könne es in Ausnahmefällen auch mal Abweichungen von der Statistik geben, aber die Grundtendenz ergebe sich schlichtweg aus den Fakten.

Nun, wenn die Fakten so eindeutig sind, dann müsste man nicht erst debattieren, sondern könnte gleich zu Lösungsstrategien kommen. Allein, davon liefert Sarrazin nicht eine einzige. Das sei auch nicht seine Aufgabe, er weise lediglich auf ein Problem hin. Warum es dafür Sarrazin braucht – hmmm, keiner weiß es.

Ich habe Thilo Sarrazins Buch nicht gelesen. Da gebe ich mein Geld lieber für Literatur aus, die es wirklich wert ist. Aber natürlich gab es die von Sarrazin autorisierten Auszüge im Spiegel, natürlich gibt es die Debatte in den Medien, in den Parteien. Sarrazin würde meinen: Lesen Sie mein Buch! Sonst diskutiert er nämlich gar nicht mit Ihnen. So einer ist das also: Schenken Sie mir Geld, dann schenke ich Ihnen Debatte. Schon wieder grenzt er aus. Man sollte sich nun in defätistischer Manier zurückziehen und Ergebenheit demonstrieren.

Aber nein, warten wir ab. Vielleicht kommt ja noch was. So etwas wie Einsicht vielleicht. In einem Moment hatte man das Gefühl, nun entschuldigt er sich. Mitten in der Sendung „Hart aber fair“ (ARD) erklärte er, wie es zu der Äußerung um das spezielle Juden-Gen gekommen sei. Welt-am-Sonntag-Journalisten hätten ihn in die Mangel genommen, ja ihn geradezu dahingehend gedrängt, solche Äußerungen publik zu machen (sonst waren es wahrscheinlich nur Hirngespinste von einem Wirrkopf, der sie bis jetzt nur gedacht aber noch nicht geäußert hat). Ihm, dem großen Faktenversteher wurde also reichlich zugesetzt und da kommt man schon mal in Situationen, wo man nicht mehr weiter weiß und einfach das Gehirn ausschaltet. Als er in der Sendung noch damit konfrontiert wird, dass sich nun auch seine Vorzeigeforscherin, Elsbeth Stern, von ihm abwendet (am nächsten Tag erschien in der Zeit ein Beitrag, in dem sie ihre Thesen durch Sarrazin als falsch interpretiert versteht), sieht man förmlich, wie er schlucken muss. Da sitzt er ziemlich allein, am Rande, und keiner will ihm über den Kopf streicheln und sagen: „Ist schon gut, kleiner Thilo, jeder macht mal Fehler. Auch der größte Denker.“ Da kann er einem förmlich Leid tun, was wohl auch bei vielen Zuschauern der Fall war, wie das Feedback zeigte. Von einer Entschuldigung, wie man sie erwartete, war dann aber nichts zu hören. Er beharrte weiterhin stur auf seinen Annahmen.

Sarrazin verhält sich, wie der Hase auf dem Feld. Da, in der Ecke, man erkennt ihn kaum, hockt er und wartet auf den richtigen Moment. Dann hoppelt er los, im Zickzack, schnurstracks von einer Ecke in die andere, als müsse er Spießruten umlaufen, hält an, schaut, rennt weiter und verschwindet hinter dem nächsten Busch. Als wäre er nie da gewesen, lediglich ein bißchen Staub aufgewirbelt hat er.

Vielleicht wollte der Staub sich nun aber doch nicht so schnell legen, wie er sich das vorgestellt hatte. So hat er sich nun mit der Bundesbank geeinigt, dass diese ihre Vorwürfe zurückzieht und man sich einvernehmlich trennt. Weiterhin bittet er den Bundespräsident, ihn zum 30. September aus dem Amt zu entlassen. Der Bundespräsident möchte dem nicht im Wege stehen, so ein Sprecher.

Christian Helfricht

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