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Zwei, die uns bewegten

Es sind Tage, die uns berühren, uns bewegen, uns entzücken und verwundern. Es sind Tage, an denen man überschwenglich meinen möge, es werde Geschichte geschrieben, als wäre da eine Welt, die kurz innehält im Moment des Glücks, in einer Stufe der höchsten Euphorie, der gesungenen Weltabgewandheit. Und schon folgt die Realität.

Aber der Reihe nach: In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat Deutschland den Eurovision Song Contest 2010 gewonnen. Das Lied „Satellite“, geschrieben von Julie Frost und John Gordon, gesungen von Lena Meyer-Landrut, wurde von den Ländern Europas mit weitem Vorsprung zum Sieger gewählt. Lena, diese junge Hannoveranerin, wurde mit einem Schlag berühmt und entfachte ein magisches Feuer in dem Land, das an einen Sieg schon nicht mehr zu denken wagte. Viel ist geschrieben wurden über Lena und deren Ziehvater Stefan Raab, viel über die einzigartige Kooperation zwischen ARD und ProSieben und ein Mädchen, das so wunderbar unprätentiös daherkam, dass man zunächst nicht glauben konnte, man sei in Deutschland, hier. Es ist die kurze Geschichte einer jungen Frau, die die Menschen lieben gelernt haben, so wie es M. M. Westernhagen in der ersten USFO-Show prophezeite. Und es ist die Geschichte einer jungen Kämpferin, die sich den Journalisten entgegenstellte und schwieg.

Lena nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest 2010

Wie kommt man von Lena aber, die in den vergangenen Tagen den Medien den Kopf verdrehte, nun zu Horst Köhler?

Horst Köhler ist heute vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten und hat damit die Konsequenz gezogen aus einer elenden Debatte, die er selbst angestoßen hat. In einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur äußerte Köhler, dass Deutschland auch wirtschaftliche Interessen bei Einsätzen der Bundeswehr verfolge. In dieser Deutlichkeit war das Thema bis jetzt noch nicht besprochen worden und es dauerte auch erst eine Weile, bis die Tragweite des Gesagten offenbar wurde. Köhler fühlte sich in der Folge falsch verstanden und trat heute 14Uhr mit folgendem Wortlaut zurück:

„Meine Äußerungen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr am 22. Mai dieses Jahres sind auf heftige Kritik gestoßen. Ich bedauere, dass meine Äußerungen in einer für unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu Missverständnissen führen konnten. Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie lässt den notwendigen Respekt für mein Amt vermissen.

Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten – mit sofortiger Wirkung. Ich danke den vielen Menschen in Deutschland, die mir Vertrauen entgegengebracht und meine Arbeit unterstützt haben. Ich bitte sie um Verständnis für meine Entscheidung.

Verfassungsgemäß werden nun die Befugnisse des Bundespräsidenten durch den Präsidenten des Bundesrates wahrgenommen. Ich habe Herrn Bürgermeister Böhrnsen über meine Entscheidung telefonisch unterrichtet, desgleichen den Herrn Präsidenten des Deutschen Bundestages, die Frau Bundeskanzlerin, den Herrn Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts und den Herrn Vizekanzler.

Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen.“(Quelle: bundespräsidialamt.de)

Horst Köhler zieht damit ferner die Konsequenz aus einer Folge von Unstimmigkeiten und Vorwürfen. Im Kreise der Koalition in Berlin und im Schloss Bellevue konnte er sich des Vertrauens nicht mehr sicher sein, sein Engagement erschöpfte sich zuletzt in Zurückhaltung, Maß halten und Anstand wahren.

Doch dieser Bundespräsident hat eine schlechte Bewertung im Nachhinein nicht verdient. Mit großen Erwartungen startete er in seine beiden Amtszeiten, die erste meisterte er mit Bravour, in der zweiten nun kam es zu erheblichen Auseinandersetzungen. Trotzdem war Köhler bei den Menschen beliebt wie kaum ein anderer, besonders im Kontakt zum Volk reüssierte er. Dieser Präsident hat sich für Afrika engagiert und vor der Knesset gesprochen, sah Schröder gehen und Merkel kommen. Köhler geiselte Finanzmonster und wanderte auf der Schwäbischen Alb. Er war einer, dem man vertrauen konnte. Einer, der dem politischen Alltag nicht entsprach und der diesem nun zum Opfer gefallen ist.

Sicher, Köhler hätte wegen solchen Vorwürfen nicht zurücktreten müssen, aber in seiner eigenen Art und Weise bleibt er konsequent. Einer, der immer von „DEN Politikern“ sprach und den man in der politischen Satire gern verhöhnte, der als impulsiv und jähzornig galt, dem muss man seinen Rücktritt verzeihen und konstatieren: es war nicht sein Geschäft, das politische.

Christian Helfricht

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