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Zum Tag der Deutschen Einheit

Heute jährt sich zum 19. Mal die Deutsche Einheit. Die offiziellen Feierlichkeiten finden in Saarbrücken statt, denn das Saarland hat gerade den Vorsitz der Ländervertretungen. Eng an der Grenze zu Frankreich wird nun also gefeiert, eröffnet mit einem Festgottesdienst und einem Rahmenprogramm, mit vielen Ständen und Attraktionen. Einhundertausend Menschen werden erwartet, die Sicherheitsvorkehrungen sind dementsprechend.

Zum Tag der Deutschen Einheit muss man nach fastr zwei Jahrzehnten Bilanz ziehen: wie sieht es aus, was wurde geschafft, was steht uns noch bevor und wo müssen wir vielleicht auch Konzessionen machen? Diese Fragen kann und will ich nicht beantworten, sie wären auch zu komplex. Doch schauen wir mal in die kleine Großstadt Dresden.

Gestern konnte ich eine Situation in der Straßenbahn miterleben, die vielleicht symbolisch für das Gefühl mancher Ostdeutscher ist. Ein Obdachloser, er war mit zwei Beuteln leerer Flaschen unterwegs, betrat mit anderen die Straßenbahn und fühlte sich von einem Ehepaar, seiner Meinung nach westdeutschen Ursprungs, beleidigt. Sie hätten getuschelt, abfällig über ihn gesprochen. Darüber lässt sich dieser Mann circa zwanzig Minuten aus, dann muss ich aussteigen. Ich möchte hier ein paar seiner Meinungsbekundungen wiedergeben: Ich bin Kommunist; Damals hatten wir alle Arbeit; Ich war nicht bei der Wahl, noch nie, besser so, die sollen sich doch mal um die Obdachlosen kümmern; Der Ministerpräsident (er meint St.Tillich) ist doch …; Wenn ihr noch so blöde feixt, soll ich mal vorkommen. Schweißwessis macht euch ja fort. Ihr habt hier überhaupt nichts zu suchen; Soll ich mich mal wieder vor die Bahn werfen?

Neben Blicken, die viele miteinander austauschten, gab es Erstaunen, Abneigung aber auch Zustimmung. Von hinten schrie eine ältere Dame, er habe doch Recht. Letztens erlebte ich Ähnliches, da unterhielten sich zwei ältere Herren über die Gläserne Manufaktur, ein Autowerk mitten in Dresden auf dem ehemaligen Messegelände, das sei doch kein Architektur mehr. Wortwörtlich. Das hört man oft, nicht nur von Dresdnern, auch von Besuchern. Die neue Centrum-Galerie, an der man sicher viel kritisieren kann (architektonisch ist sie sicher nicht auf der Höhe der Zeit), hat sich dabei teils auch zum Menetekel aufgeschwungen: die alte Wabenstruktur von Hertie-Kaufhaus sei wieder aufgenommen, schön, doch protzig und vollkommen überdimensioniert sei das doch alles schon. Könne sich das überhaupt lohnen, wir hätten doch schon so viel, da gehen wieder die kleinen kaputt.

Auch das Drama um die Waldschlösschenbrücke ist noch nicht ganz zur Ruhe gekommen. Dann gibt es neue Entwicklungen um eine Wiedereröffnung des Fernsehturms, an dem viele Dresdner sehr hängen. Neue Busverbindungen sind ebenso Streitpunkt, wie Diskussionen um den Kulti (Kulturpalast), mögliche Tunnel unter dem Blauen Wunder oder Überprüfungen auf Stasitätigkeit der Stadträte. Eine Stadt Dresden diskutiert mit Herzblut, doch oft ist die Diskussion nur mit einem Thema verbunden: was haben wir geschafft, warum geht es vielen noch nicht so wie den Wessis, die doch die ganzen Spitzenämter innehaben, Benachteiligungsgefühle allenthalben.

Doch es gibt auch das andere Dresden. Da ist zum einen das politisch bürgerlich-konservative Lager und zum anderen das junge links-grüne Milieu. Die Mehrheit entstammt diesen beiden Gruppen, sie beschäftigen sich sehr unterschiedlich mit dem Thema Einheit, einmal offensiv-erbaulich, einmal offen-vergessend-objektiv. Und so müssen wir Dresdner und alle die Einheit auch begreifen. Die Einheit muss aus den Köpfen verschwinden, sie muss zu einer Erinnerung werden, die wir mehr und mehr vergessen, die wir nicht mehr fühlen, nicht negativ-despektierlich, nicht übertreibend-herrschaftlich. Es muss in dem Sinne ein Geschichtsbewusstsein entstehen, das auf Basis all dessen, was uns zusammen gebracht hat, diskutiert über das, was noch zu leisten sein mag und das was die Einheit aus uns gemacht hat, räsoniert: freie Menschen, die wir beiderseits nicht waren sind zusammengekommen und haben sich versöhnt. Reine Politikschelte und Aufregen über alles und jeden ist unangebracht, überflüssig und schädigend für die Bundesrepublik und deren Gemüter.

Der Glasperlenspieler

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