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„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“

Wenige Tage vor Weihnachten und so richtig will sich das Gefühl dafür noch nicht einstellen. Draußen möchte das Wetter mir fast schon mediterrane Verhältnisse vorgaukeln, hier drinnen ist eine mir schon nicht mehr vertraute Ruhe eingekehrt, eine Art zu leben, die ich schon fast nicht mehr kenne. Heute Geschenke eingepackt, zuvor noch einiges einkaufen und früh Freundin verabschiedet.

Und seltsam: Irgendwie waren mir die Menschen heute nicht vertraut. Oder besser: An allen Ecken zuviel von dem, was mir noch nicht so nahe kommen will. Jeder wünscht ein frohes Fest, man erwidert und meint es nur ganz nebenbei. In der Buchhandlung, im Warenhaus, im Lebensmittelgeschäft, ein Stimmung, die Nähe heuchelt und in Wirklichkeit von den Geschäftsführern verordnet ist.

Und gleich fühle ich mich seltsam überreizt. An der Theke steht mir eine Verkäuferin gegenüber und reagiert auf mein Händereiben, das sie als ein Gefühl von Kälte deutet, mit der vertrauensbildenden Bemerkung, dass es bei ihnen im Geschäft aber nicht kalt sei, worauf ich sie nur abschätzig muster, ignoriere und das Gewünschte einforder. Ein nachgerufenes „Schönes Fest“ höre ich schon nur im Gehen; dieser Laden, wie er fremd mit bunten Artikeln für den täglichen Gebrauch wirbt – nicht heute.

Noch nicht, möchte ich hoffen. Normalerweise bin ich schon viele Tage vorher in großartiger Weihnachtsvorfreude, doch diesmal kommt das alles mit Verspätung. Alles ist anders. Seit Jahren einmal wieder in Dresden feiern, im Hause der Großeltern, das mir in den letzten Jahren wieder ein vertrautes Zweit-Zuhause geworden ist und zwischen Weihnachtsmännern und Lametta, das ich schon aus frühester Kindheit kenne. Und alles ist trotzdem wie immer. Mit den alten Geschichten, die man schon etliche Male gehört hat und trotzdem immer wieder gern hört, mit den alten Handlungsmustern und unterschiedlichen Vorstellungen von Bescherung und Festmahl.

Jedes Jahr ist die Weihnachtszeit für mich aber nicht nur ein Zeichen von Gemeinsamkeit und Familie. Sie ist auch ein Menetekel der Vergänglichkeit, des Alterns und der Rastlosigkeit des Lebens. In den ruhigen Momenten, genau dann, wenn man fernab von Glanz und Glockenklang in die nahe Zukunft schaut und deren Unbestimmtheit vernimmt, ist es besonders schwer. Was wird in ein paar Jahren sein, was in Jahrzehnten? Wie sieht das Arbeitsleben aus, wie das hohe Alter und was kommt danach? Es ist für mich, so simpel das klingt, auch eine Zeit der tiefen Vertrauensnotwendigkeit, vielleicht auch ungelebter Religiosität. Haltlose Minuten, deren Dauer und Vehemenz so schwerwiegend sind, dass sie dem Leben das notwendige Maß an Leichtfüßigkeit und Kaltschnäuzigkeit nehmen – man sollte sie verdammen, wegschließen und in einer Truhe versiegeln. In den Tiefen der Ozeane versenken und darauf hoffen, sie nie wieder zu Gesicht bekommen zu müssen. So verheißungsvoll, so unmöglich, so vergeblich.

Der Genuss muss immer im Moment liegen. Nicht: Hier stehe ich und weiß nicht anders. Sondern: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ (Martin Luther)
Der Glasperlenspieler

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