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Nicht die Philosophen stehen im Mittelpunkt!

Heute endet für mich das Jahr 2008, was das Universitätsschaffen betrifft. Viel ist passiert, einiges wurde erreicht, manches ging auch schief. Entscheidungen für Seminare bereut man im Nachhinein und zieht daraus für das nächste Mal seine Schlüsse. Man nimmt sich Dinge vor, bei mir betrifft dies besonders das Fach Erziehungswissenschaft, dem ich mehr Tribut zollen möchte, und im nächsten Moment möchte man seine Schwerpunkte schon wieder anders setzen, zum Beispiel das Unterrichtsspezifische des Studiums der einzelnen Fachwissenschaften zu stärken. Grundsätzlich nimmt man sich immer vor, schon die Hälfte der Leistungen in der Vorlesungszeit zu erledigen, schließlich kommt das jedoch nie zustande.

Das Lehramts-Studium ist immer wieder ein auf und ab. Oft verzweifelt man an Anspruch und Wirklichkeit, später nur noch an der Wirklichkeit. Meine schlechte Ausbildung an der TU Dresden, die man für Lehramtsstudenten nie und nimmer empfehlen darf, die hier besonders institutionell zu begründen ist, enttäuscht und fordert mich zugleich: Mach was draus, wähle aus dem Miesen die Sterne und gestalte dein Studium selbst. Doch die Verzweiflung liegt tiefer, bei mir wie bei anderen: Warum studiere ich Philosophie, warum Germanistik, warum Erziehungswissenschaft und nicht das Deutsch, das ich den Schülern später selber beibringen möchte, warum darf ich Ethik nicht schülerorientiert, d.h. problemorientiert studieren, sondern muss mich mit den hintergründigsten Gedanken der unwichtigsten Philosophen beschäftigen?

Sicher: Seit diesem Semester ist etwas besser. Die Vorlesung Didaktik der Philosophie und Ethik und das Seminar Texte lesen und schreiben können einen Anreiz geben, zeigen Modelle eines praxisorientierten Ethikunterrichts und sind der allererste Anfang (aufgemerkt: ich befinde mich im fünften Semester) für eine Vorstellung vom Beruf des Ethiklehrers. Jedoch: Auch ein engagierter Professor mag nicht retten können, was grundsätzlich falsch läuft.

Ein Studium, das dazu führen soll, Kinder zu unterrichten, kann sich nicht daran orientieren, was die jeweilige Fachwissenschaft an theoretischem Wissen dem Studenten weitergeben will, sondern muss sich an die Lehrpläne und konkrete Situation der Schüler anpassen. Es bedarf der Etablierung eines neuen Geistes, der sich daran messen muss, inwieweit er dem Schüler eine Hilfe fürs spätere (Arbeits-)Leben gibt, inwiefern er Probleme, die oft schon im Elternhaus entstehen, auszubessern versucht und gerade nicht Wissen vermittelt, das der Schüler nicht im Geringsten zur Bewältigung komplexer Lebensentwürfe benötigt. Ethikunterricht muss Probleme des Lebens thematisieren, wie sie jedem passieren können, er muss zum Beispiel bioethische Diskurse, wie sie gesamtgesellschaftlich geführt werden, vermitteln und meinungs- und interessenbildend wirken. Er darf nicht immer auf einen Text eines Philosophen zurückführen, denn nicht die Ansichten der Philosophen stehen im Mittelpunkt, sondern die aufwachsenden Generationen, die sich unter wechselnden Wertmaßstäben zurechtfinden müssen.

Der Glasperlenspieler

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  1. 3. Februar 2009 um 6:13 pm

    Hallo und guten Tag,

    ich kann Dir nur sagen: „Ich fühle mit Dir, da ich das gleiche Problem habe“!
    Ich studiere BWL und frage mich ständig, was ich im späteren Beruf noch davon anwenden muss, was mir an der Uni beigebracht wird.
    Natürlich ist einiges wichtig, aber vieles ist äußerst veraltet!
    Ich denke mir immer: „Beiß in den sauren Apfel und zieh die paar Jahre noch durch- hinterher guckt keiner mehr, wie du dich angestellt hast!“
    Die Lehrenden sind an der Uni so alt, wie die Bücher über die Geschichte der BWL 😉 und dafür zahl ich halbjährlich 700€…
    Ich hoffe, dass sich das irgendwann auszahlt!

    Dir wünsche ich weiterhin auch viel Erfolg.

    P.S.: Aufgeben wäre zu leicht, also mach weiter!

    😉

    Danke

  2. Martin
    10. November 2009 um 3:07 pm

    „Warum studiere ich Philosophie, warum Germanistik, warum Erziehungswissenschaft und nicht das Deutsch, das ich den Schülern später selber beibringen möchte“…hm, überraschende Fragen für einen Liebhaber des Glasperlenspiels.

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