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So dreist, so unverblümt

Ich sitze im Bus. Linie 89.
Vor mir eine älteres Ehepaar, hinter mir zwei Freundinnen, die sich unterhalten. Im linken Feld meines Blickwinkels eine junge Frau und ihr Kind, zwischen gestressten Arbeiterinnen.
Das Kind ist frohen Mutes, es achtet nicht auf sein Umfeld, ist ungeduldig. Die Mutter liebevoll und zärtlich. Sie weist mit ruhiger Stimme die Hand des Kindes an den Sitz, es soll sich festhalten, eine Kurve wird folgen.
Das Kind fällt vom Sitz, keine Schmerzen, die Mutter besorgt, dann beruhigt.
Die Arbeiterinnen richten ihre widerwärtigen Blicke in die Augen der Gegenübersitzenden. Arrogante Gesichtszüge, verbissen, vom Leben dahingerafft, unzufrieden.
Die Arbeiterinnen verstehen die junge Energie des Kindes nicht, verstehen gleichwohl nicht die Mutter, die lächelt, dem Kind die Freiheit lässt Erfahrungen zu machen. Die Mutter ist geschickt. Sie ist die des neuen, urbanen Typus, ein wenig die Linie und ganz viel Raum.

Ich erinnere mich an eine Szene in der Bahn, die vor mehr als einem Jahr passierte. Eine alte Frau fühlt sich vom Schreien eines Kindes genervt, sucht Beistand bei Umsitzenden, wendet sich ab, blickt hin, mal so, dann mehr so. Die Mutter verlässt mit ihrem Kind die Straßenbahn. Was folgt, werde ich nicht vergessen: „Nicht normal, sowas„, so dreist, so unverblümt, so dumm und hässlich.

Was sind das für Menschen, die kein Verständnis für Kinder haben, die frei sind und nicht auf Zurückhaltung und alte Sittenhaftigkeit getrimmt? Was sind das für Menschen? Sind es die Gebrechlichen, die mit ihrem eigenen Schmerz nicht zurecht kommen? Sind es die Jungen, die keinen Ausweg aus dem vermaledeiten, auf Arbeit und Einerlei getrimmten Leben finden? Sind es die harten Männer, die Emotionen für den Status unterdrücken? Sind es Bürgerliche, die auf Zucht und Ordnung pochen? Oder sind es die Gesichtslosen, der Durchschnittsmensch, das Alltagsmurren?

Draußen ist es schon dunkel, als ich aus dem Bus aussteige. Ein kühler Wind streift durch die Gassen und eine junge Frau mit Kinderwagen blickt sorgenvoll gen Himmel.

Der Glasperlenspieler

[Wetter: bedeckt, drei Grad;
Buch aktuell: Peter Sloterdijk – Zorn und Zeit, S.98]

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