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Sarrasani oder: Wo bleibt der nächste Gang?

Langer Abend, kurze Nacht. Mitten in Dresden, direkt am Straßburger Platz, gegenüber der Gläsernen Manufaktur, steht seit Mitte Oktober ein Festzelt, von dem man rein äußerlich vielleicht nicht viel erwarten kann. Innen aber ist es eine wahre Pracht. Das TROCADERO Sarrasani Theater Dresden. Der Eingang feuerumspannt, der Teppich in einem safranrot, einladende, leichte Musik und angenehmes Klima. Eine Ausstellung zur Geschichte, die Lounge zum Entspannen, freundliches Personal an Garderobe wie Empfang, eine Bar für erste Getränke. Wenn sich dann die Tore zum Festsaal öffnen, wirkt es ein wenig enttäuschend, gleich wohl es nach viel Arbeit an den akkurat angerichteten Tischen ausschaut. Ein nach allen Künsten geschultes Personal lässt den Wein naturgemäß vorkosten, erklärt dezent die Gewohnheiten und betreut den Abend hindurch freundlich und erheiternd. Die einzelnen Gänge des Menüs, die sich in den Pausen der Show abspielen, sind köstlich und anregend, das ganze Gegenteil zu dem, was sich zwischen den Mahlzeiten auf der Bühne regt.

Die Show im Ganzen scheint beim Publikum anzukommen, der Funke springt allerdings nicht über. Magier André Sarrasani gibt sich reglich Mühe, seine schlechte Laune zu überspielen, seine Tricks wirken aufgesetzt, ein Gesamtbild, das ineinander fließt, ist nicht zu erkennen. Das Sarrasani-Ballett tanzt Altbewährtes, was Wanderzirkusse in aller Welt vielleicht sogar besser können. Erheiternd allerdings wirkt das Komikerpaar I Baccalà, dass vor allem die sehr Jungen und Älteren beeindruckt, zwar durch teils ellenlange akrobatische Künste zu plumpen Hochseilartisten verkommt, aber mittels der Möglichkeiten von Mimik und Gestik den Höhepunkt der Show darstellt. Die Luftakrobatin Marie Bitaróczky weiß gekonnt ihren Körper mit viel nackter Haut in Szene zu setzen, was die Tänzerinnen mit noch mehr nackter Haut jedoch wieder relativieren. Überhaupt: Die knappen Höschen und kurzen Röcke sollen über die ein oder andere Länge der Veranstaltung hinwegtäuschen, wobei die Redebeiträge des Chefs Sarrasani teils lakonische Schärfe beweisen, teils an vorurteilsgeprägtem Sarkasmus nicht vorbei kommen. Manchmal nervt das elende Phrasengeschwinge und man möchte sich den nächsten Gang wünschen. Letztlich endet die Show glanzlos und es beschwingt einen das Gefühl, zwar viel Schönes gesehen zu haben, aber doch enttäuscht zu sein.

Der Glasperlenspieler (fragt nach den Gründen …)

[Wetter: überwiegend bewölkt, minus ein Grad;
Lesestoff aktuell: SZ]

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