Rote Äpfel

Rote Äpfel sind normalerweise rar in dieser Jahreszeit, gebe es da nicht die Discounter mit ihren wuchernden Warenbeständen, die Wochenmärkte mit den lautesten Marktschreiern und den drallsten Beauties und die Sommer-/Herbstbestände der Gartenfreunde von nebenan. Rote Äpfel leben in meiner kleinen Obstschale, die die triste Alltagsausstattung meiner Wohnung ein wenig aufblühen lässt, und sie schmecken nach „lecker“ und „mehr“ und „bitte, bleibt noch ein wenig“. Zwischen all den Büchern, den großen ganzen Elementen, denen der Staub nur minder zu schaffen machen kann, zwischen den Tonträgern und Ordnern, den Klotzen und Quadern, den kindsköpfigen Luxusartikeln und den Kerzen von gestern, liegen sie: die roten Äpfel. Und sie glänzen vom Schein der warmen Glühlampe, der Billigleuchte von Ikea, ganz so, als wären sie schon lange da, ganz so, als warten sie auf den Bus oder die Bahn, die mal wieder auf sich warten lässt.

Rote Äpfel sind Statussymbole. So wie die politische Gesinnung, die menschliche Haltung und das soziale Gedankengefüge. Rote Äpfel verheißen nichts Gutes, mehr noch widersprechen sie der alten Floskel „rot wie die Liebe“, ja sie drehen das Bild von rechts nach links. „Rot sehen“, „Rot wie Blut“, in Russland bringt man „rot“ mit teuer, wertvoll in Verbindung. „Rot wie die Hölle“, der „Teufel“, etc. Rote Äpfel sind Statussymbole, immer wieder. Im Winter stehen sie für Verschwendung, im Herbst für Nostalgie, im Sommer gelten sie als verfrüht und im Frühling als überraschend.

Rote Äpfel sind manchmal wie konservative Politiker. Man kann sie dulden, aber nur schwer ertragen und könnte leicht auf sie verzichten. Wenn die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel die Mitte beschwört, dann ist sie nicht grün und nicht rot. Dann ist da nicht gelb und erst recht nicht schwarz. Tiefrot schon gar nicht. Viel eher ist es ein Gemisch aus all den Farben, die insgesamt ein ödes, langweiliges und abstoßendes braun ergeben.

Und wer mag schon braune Äpfel.

Der Glasperlenspieler (im PISA-Dumdidum)

[Wetter: bewölkt, fünf Grad
Buch aktuell: Dresdner Hefte, Ausgabe 89: „Armut in der reichen Stadt“]

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  1. 5. Dezember 2007 um 9:07 pm

    …schön mal wieder über jemanden zu stolpern der Celan mag..

    LG J.
    Ach ja, und dieser Blog gefällt mir besser als der andere,alles nur rein subjektiv versteht sich..

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